Frederick - 1
„In Eins-Komma-Sechs Kilometern bitte Rechts abbiegen.“ sagte die freundliche und eindeutig künstliche Frauenstimme nach einem gongartigen Hinweiston in das dunkle Auto. Genau genommen war es nicht die Stimme die künstlich schien, sondern eher der ruckartige Satzbau, der verriet das man es hier mit einem elektronischen Navigationssystem zu tun hatte. Die Stimme gehörte Andrea Schwarzer.
Andrea Schwarzer war eine ganz und gar nicht künstlichen Frau, die sich gerade, ungefähr drei-hundert-fünf-und-fünfzig Komma sechs Kilometer von dem Fahrzeug entfernt, in dem das Autoradio ihre Stimme verstärkte, im Bett wälzte. Hätte sie gewusst, was sich just in den nächsten Minuten in diesem bisher wohlgeleiteten VW Passat des Typs B5 ereignen würde, so wäre sie vielleicht aufgewacht. Vielleicht hätte sie versucht irgendjemanden anzurufen. Vielleicht die Bildzeitung. Vielleicht RTL Aktuell. Vielleicht, doch das wäre gegen ihre Prinzipien gewesen, die Polizei. Doch Andrea Schwarzer konnte, so wie das eigentlich seine Richtigkeit hat, nicht in die Zukunft sehen und so wusste noch niemand von dem Schicksal und dem letzten Gespräch des Ehepaar Wuhler. Wobei von ersterem bald jeder aus der Zeitung und letzterem wohl niemand jemals etwas erfahren würde. Es klang in etwa so:
“Bist du sicher, dass du es nicht im Theater gelassen hast?” Herr Wuhler schaute skeptisch vorraus über das Lenkrad in die dunkle Nacht. Das tat er weil er es nicht vermeiden konnte, skeptisch auszusehen wenn er es war. Da seine Frau diesen Charakterzug mit Hingabe verachtete, wollte er die Chance erhöhen, dass sie es nicht bemerkte. Zum Glück war sie voll und ganz damit beschäftigt im Fußraum und Handschuhfach abwechselnd zu wühlen.
“Nein, ich hatte es doch noch draussen um auf die Uhr zu sehen.” Sagte sie in den Fußraum hinein. “Und hör mit diesem Gesichtsausdruck auf! Du weißt das ich den hasse!” - “Verdammt!”, dachte er. Die 1,6 Kilometer waren vorbei und Herr Wuhler nahm sich die Zeit, auf die ermahnende und ruckartige Stimme von Frau Schwarzer hörend, rechts abzubiegen. Um den aus der Gesamtsituation resultierenden Ärger irgendwie Luft machen zu können, gab er einfach wohltuend mehr Gas, als er es sich normalerweise erlaubt hätte. Lächelnd lehnte er sich zurück.
Zu einer anderen, völlig bezugslosen Begebenheit drei Jahre und in etwa zehn Stunden zuvor hatte ein sechzehnjähriger Schüler der des Mathe A-Kurses einer Integrierten Gesamtschule gerade seinen Test in Physik fertig geschrieben. Diesen hatte er bestanden, weil er ausrechnen konnte dass ein Auto, welches auf einer Straße in der Nacht 120 km/h schnell ist, nur 1,11~ Sekunde zeit hat, zu reagieren.
Herr Wuhler wusste nichts davon. Er hatte Physik schon abgewählt als er es eigentlich noch hätte besuchen müssen. Er war auch viel zu sehr in ein entstehendes Streitgespräch vertieft. “Musst du jetzt da unten herumsuchen?” - “Lass mich doch! Oder willst du, dass ich das Telefon nicht wiederfinde? Das war teuer! Schau lieber auf die Straße, sonst passiert noch ein Unglück.” Herr Wuhler schnaufte. “Ich hab hier so ein tolles Navigationsgerät und das sagt mir, das die Straße noch eine ganze Weile geradeaus geht!” - “Das kann sich doch auch mal irren.” Sagte Frau Wuhler ruhig in den Fußraum hinein.
Herr Wuhler holte ärgerlich Luft um etwas erwiedern zu können und schaute dabei wieder nach vorn. In Sekundenbruchteilen weiteten sich seine Pupillen, er liess die hälfte der Luft, die er für eine Lautstarke Entgegnung gesammelt hatte fahren.
Herr Wuhler hatte früher durchaus schon einmal darüber nachgedacht, was das letzte sein solle, was er in seinem Leben äussern wollte, wenn es denn einmal so weit sei. Vielleicht ein Zitat von Kandinsky “Es ist besser, den Tod für das Leben zu halten, als das Leben für den Tod” oder doch Gandhi “Geburt und Tod sind nicht zweierlei Zustände, sie sind zwei Aspekte desselben Zustands.“. Herr Wuhler hatte nie geahnt, dass der Tod plötzlich kommen könnte und erst recht nicht, dass er sich in dem Moment über seine Frau ärgern würde. So waren seine Worte deutlicherer Natur und vielleicht aufgrund ihrer Spontanität doch am besten gewählt.
“Ach Scheiße.” sagte er, und starb.